Stupet


Ballonger
(Balloons)


noveller
Cappelen 1967



English version

Deutsch: Eine Kurzgeschichte, 1967

Da denne boken kom ut bodde Mona Lyngar i Storbritannia, var gift og hadde nettopp født sitt første barn. Samlingen består av materiale fra den første, upubliserte romanen "Collage", nyskrevne noveller, samt bruddstykker fra "Fragmenter". De forskjellige novellene og kortprosatekstene har fellesnevnere i tema som undertrykkelse, svik, hersketeknikker, selvtilfredshet og fremmedgjøring. Tekstene er ofte satiriske. De beskriver karakterer og situasjoner som relative fenomener i stadig forandring i skiftende synsvinkler. Et hendelsesforløp eller en personlighet er sjelden hva man tror, men består snarere av muligheter, slik virkeligheten speiles i selvmotsigende fasetter av det fattbare i en kollektiv objektivitet. Samlingen inneholder også den intense og såre kjærlighetsnovellen "Blått rekkverk."

Mange av tekstene er eksperimentelle i den forstand at tekstbildet bryter med et tradisjonelt, konservativt oppsett. Med tanke på opplesning er av og til setninger avbrutt, stor bokstav og tegnsetting utelatt og avsnitt tilpasset et lydbilde fremfor det rent visuelle ved en trykt tekst. Lesbarhet, lyd og rytme er her ment å forsterke tanke- og forestillingsmessige impulser forfatteren ønsket å formidle. Hun har også gjennom sitt senere forfatterskap vært opptatt av å provosere lesernes til å dikte videre ut fra det hver og en velger å oppfatte av teksten.

Unge samtidige likte denne novellesamlingen dårlig, mens tungvektere som Philip Houm positivt ga uttrykk for forventning til forfatterens videre produksjon: "Lyser av talent... " Willy Dahl skrev i daværende Arbeiderbladet: "Hun er en beregnende og velbalansert skribent som ikke bare er lovende, men også i høy grad har innfridd noen av løftene. " I Drammens Tidende skrev Otlu Alsvik: "En storfugl blir hun." Dette var skremmende for en som bare var 23 år gammel. Det tok derfor tre år før den neste boken forelå, romanen "hull".

Martin Nag skrev nå og senere utførlige og informative anmeldelser i Friheten, og ble slik nærmest som en lærer, i likhet med "Carl Hambro" og "Anne-Lisa Amadou".




English version:

Living in Britain at the time of the publication of the traditionally dangerous second book, married and with a small child, Mona Lyngar compiled this collection of short stories of new material and what was left of the unpublished novel "Collage. The different stories are interconnected in their adressing similar themes, oppression and deceit, autocracy and ruling techniques, complacency and alienation. They are edged with satire and often describe characters and situations as relative entities in constant change. Given facts are seldom what they seem, rather probabilities presented from various angles, demonstrating the self-contradicting facets of any feasible collective objectivity.

The authors heart went soft when the translator Elvi Lumet from one of the Baltic states in the Soviet Union chose the story "The Map Reader" for an anthology published there. "The Map Reader" is a small, but harsh attack on authoritarian regimes. One of the stories, "Transfer," seemingly from a sea voyage, ends approximately like this in english:

"The news were long gone and still present. A blank spot? The ships flute is sounding. Conversations are heard. More gulls, and in the horizon a line. The line is turning wobbly. Eyes gradually reshape the wobbling. A continent sticks out, big and hevay, heavily afloat. The morning news; it all keeps on and keeps on, seven hundred, eight hundred, no, merely four mothers and one child to-day, but how many thousands of men, long gone. Blank. The continent laboriously mounts the skyline. Still present. Some child is whining. Its whining develops screams. Someone tunes the screams down to crying. Legs itch. A lump of humans wedges to the railings. Rain falls. Hands wave to the blank spot. Keep on. The blank spot hesitates. It ought to mold itself into the resemblance of a face."

The manuscript for Balloons curiously disappeared in Her Majestys Mail, and was by fluke retrieved from the shelf in a stationary cum Post Office shop after several weeks of Postal neglect. Loosing a manuscript in those days of typing and retyping and typing again the same page up to forty times, was a disaster beyond comprehension. This to colleagues who kept telling Mona Lyngar how lucky she was since writing for her was so easy. As in these short stories, few phenomena are truly what they seem to be at face value.

As expected for a second book, there was no consensus among the inmates of the Norwegian "Parnassus." The heavyweights of the literary establishment, like Phlip Houm in Dagbladet and Willy Dahl in Arbeiderbladet, expressed delight with the book and expectations for the authors future, whereas some contemporaries author colleagues harshly vented dismay. This may have been due to the hardening political climate among Norwegian intellectuals, preceding the romanitizising of armed revolution and authoritarian regmines. On a brief stay in Norway in the late sixties, Mona lyngar declined the invitation to become a member of the editorial board for the Marxist-Leninist magazine Profil and returned to Britain with the intention of staying and working there.

After having settled in Norway again in the seventies, she however regrets this repatriasation and claims that this may have been the most irrational decision she ever made. At the time she had settled in London and was on the verge of becoming bilingual. Expressing herself in Norwegian, being Norewegian, in addition to living in Norway was not necessarily the optimal solution.

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Der Kartenleser

   - Laufnummer, Lochkarte, Zulassungskarte, Scheuklappen - Scheuklappen? Andrea, wo sind meine Scheuklappen?

    - Psst, schrei nicht so, Sie könnten dich hören! Sag nicht du bist heute ohne gegangen? Was wäre gewesen wenn -

    - Mensch, Andrea, steh nicht da und quatsch rum, hilf mir lieber, ich kann nicht ohne gehen!

    - Aber du bist ja ohne gegangen!

    - Nur hier zu Hause, Andrea, nur hier. Hilf mir doch.

    - Aber ich weiß doch nicht -

    - Ich muss in einer halben Stunde da sein Andrea, steh doch nicht rum und glotz so blöd, beeil dich, oh, da sind sie, Staat sei Dank! Der Koffer - so, nun bin ich klar. Wann kommt das Fließband?

    - Bezirk sieben steigt um elf Uhr hinab, das haben Sie vor zwei Stunden im Interwellensystem gesagt. Gültige Zulassungskarten werden auf den Plattformen abgehakt. Hast du das Gesundheitsformular und den Mundschutz dabei?

    - Nerv nicht, du siehst doch, dass ich den Mundschutz schon um habe. Das Formular liegt im Koffer. Der Staat sei gegrüßt, Andrea, nun gehe ich auf die Plattform.

    - Der Staat sei mit dir, mein Lieber! Und sei vorsichtig!

    - Wir sind immer vorsichtig Andrea.

    Draußen auf der Plattform steckt er seine Zulassungskarte in den Stempelautomaten. Zu seiner Erleichterung sah er, dass die Karte schön rot abgehakt war als sie wieder raus kam. Der ganze Bezirk ist in Feststimmung. Leute winken einander von Plattform zu Plattform zu. In jeden Haushalt hat heute das älteste Mitglied seine Einberufung bekommen. Die Karte hat er um den Hals hängen, so ängstlich ist er, sie zu verlieren. Niemals hätte er sich getraut die Karte zu den anderen Papieren in den Koffer zu legen.

    Das Stundensignal ging. Das linke Bein zuerst. Diejenigen, die die Plattform auf der rechten Seite hatten setzen immer das linke Bein zuerst auf das Band. Das Band war augenblicklich voll gestopft. Eine lange Reihe von Menschen, alle 50 Jahre alt, stand und hielt einander an den Hüften, mit gespreizten Beinen um die Balance besser zu halten. Keiner wollte in den Säuregraben fallen, nun, da sie auf dem Weg zum Verwaltungsgebäude West waren. Der Höhepunkt des Lebens.

    - Ach, ich beneide dich so, Papa, sagte der kleine Ebelkart heute morgen - Ich wünschte, ich wäre dran. - Ach ja, bald ist der kleine Ebelkart dran, schneller, als er denkt, dachte der Papa fast betrübt, die Zeit vergeht so schnell. - Wenn er nur nicht auf dem Laufband spielt und herunterfällt. Dumme Kinder machten das oft. Übrigens eine einfache Art Kinder los zu werden. Das war ja zum Teil der Sinn mit der Säure. Klar, ein bisschen Spiel muss ja sein, sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern. Aber mit dem kleinen Ebelkart war es wohl nicht so schlimm? Ebelkart, Ebelkart - er überlegte, warum sie dazu gekommen waren ihn so zu nennen. Es wäre viel einfacher gewesen, nur die Nummer zu gebrauchen, 87 b, (a wurde der Mutter schon bei der Geburt weggenommen, die Besamung war nicht erfolgreich gewesen) wie es im Bezirk normal war. Selbst war er 59 unter Freunden, 9359 in der Anstalt, und er war zufrieden damit. Andrea dagegen hatte keine Nummer, weil sie während der großen Umregistrierung aus einem anderen Bezirk kam.

    - Hurra, fingen die Leute an zu rufen. Vor ihnen errichtete sich das Verwaltungsgebäude, es ragte fast bis zum Himmel, überwältigend, fantastisch, ja, fast grausam, so groß war es. 59 seufzte glücklich. Endlich würde er alles erfahren. Vielleicht durfte er auch einmal dorthin, er hatte von einigen gehört, die in das neue Land geschickt wurden, dort wo immer die Sonne schien und keiner kontrollierte. Obwohl - das letzte wusste man ja eigentlich nicht. Aber die Gerüchte besagten, dass es so sei. Die Gerüchte besagten auch, dass diejenigen, die wirklich dorthin gekommen waren, so glücklich seien, dass sie nie wieder von dort weg reisen wollten.

    59 dachte an Andrea - und Ebelkart - würde es ihm schwer fallen, sie zu verlassen? Er würde gerne reisen- aber sie für immer verlassen? Denn, keiner, der in das neue Land kam, wollte ja von dort wieder weg?

    Die Leute vor und hinter ihm wurden immer unruhiger. Das Fließband lief jetzt nur noch halb so schnell, die Sortierungsmaschine vorne hatte angefangen zu arbeiten. 59 drückte seinen Koffer an sich und fasste sich an die Brust. Der Mann hinter ihm hatte so klamme Hände, dass 59 sie durch sein Hemd spüren konnte. – Ich habe Angst, flüsterte er in das Ohr von 59 - ich vertraue Ihnen nicht, nicht einen Augenblick lang. 59 tat, als ob er nicht hörte. Er wollte in nichts hinein gezogen werden.

    - Alle gleiche Nummern in die Tür zur linken. 59 wartete. - Ungleiche Nummern stellen sich in Reihen auf, einer nach dem anderen, marschieren, rechts links, rechts links, 856933, den Takt halten, die Treppe hoch, stopp. Alle hielten auf Kommando des Lautsprechers an. 6933 war sehr rot im Gesicht.

   Einer nach dem anderen wurde rein gelassen. Er wunderte sich darüber, wie wenig Zeit verging bevor der nächste rein gelassen wurde und überlegte ob alle eine Reiseerlaubnis bekämen oder ob da drinnen eine neue Warteschlange sei. Oh, selbstverständlich, sie gingen zu einer anderen Tür raus.

    Sein Herz schlug schneller, als er aufgerufen wurde. Die Papiere lagen in Reihenfolge, sie wurden zweimal kontrolliert, erst von Maschinen, dann von einem Wächter. – Oh ja, sagte der Wächter, Sie sind der, der zum Kartenleser soll. – Sollen nicht alle zu ihm? Der Wächter hob die Augenbrauen und warf ihm einen verächtlichen Blick zu: - Oh mein Staat, Ihr seid alle so naiv. Hier sind Ihre Papiere. Sie könnten sie vielleicht brauchen, wenn Sie Glück haben.

    - Wenn ich Glück habe, Glück? Vielleicht darf ich reisen - er öffnete die Tür ein wenig und schaute vorsichtig herein. Der dickste Mann, den er je in seinem Leben gesehen hatte, saß neben einem großen Blumengesteck und hatte ein langes, braunes Stäbchen im Mund. Blauer Dunst stieg von dem Stäbchen auf, als ob es brannte. Die Wände, der Fußboden und die Decke waren ganz aus Silber, poliertem Silber, das alle Bewegungen widerspiegelte. Aber die Instrumente, wo waren die Messinstrumente und all das, was er brauchte, um die Karte genau lesen zu können? Wo waren die Nachschlagebücher und alles, was in diesem Raum sein sollte?

    - So - Sie sind 59. Nicht viel Schönheit, muss ich sagen. Haben Sie die Karte dabei?

    - Ja. 59 verbeugte sich und hielt die Handflächen mit der Innenseite nach vorne, genau so, wie man es machen sollte, wenn man mit Staatspersonal spricht, das wusste er seit seinen Knabenjahren.

    - Was für eine grässliche Nase Sie haben. Hier muss ein Fehler vorliegen. Wir werden sehen, wenn er kommt.

    59 erdreistete sich zu fragen: - Wer, sind nicht Sie der Kartenleser? Die Frage wurde von dem Dicken ignoriert, der sich darauf konzentrierte einen seiner fetten Finger auf einen fast unsichtbaren Knopf in der Wand zu drücken. Nach einem kurzen Summton glitt die eine Wand zur Seite. 6 silbergekleidete kleine Jungs mit schwarzem, langem Haar schoben einen Rollstuhl in den Raum.

    Oberhaupt! Oberhaupt - 59 ging in die Knie. Der Mann im Rollstuhl winkte mit verkrüppelten Händen: - Stehen Sie auf, machen Sie nicht so dummes Zeug. 59 sprang auf und stand in Achtung.

    - Ist das Ihre Wahl OH, sagte der Fette familiär zu dem Lahmen.

    - Selbstverständlich, ein bisschen Veränderung muss ich doch haben. Los, in ein paar Minuten ist Ratssitzung.

    Der Raum wurde mit Musik gefüllt. Der Rollstuhl wurde neben den Fetten gerollt.

    - Seien Sie so freundlich, und legen Sie die Blumen mitten auf den Fußboden und setzen sich selbst auf das Gesteck,  sagte Oberhaupt und kratzte sich bedächtig an der Nase.

    Die Blumen dufteten stark und mystisch. 59 saß im Gesteck und starrte verwirrt von einem zum anderen. Die sechs Jungen bewegten sich nicht, aber der Fette und Oberhaupt blinzelten einander zu, starrten auf den Mann zwischen den Blumen, auf dessen Kopf, der zwischen Nelken und Freesien und Inspirationsrosen herausragte und blinzelten wieder, immer lachlustiger. 59 verstand, dass es sich um einen Scherz handelte und wollte mitlachen, als die beiden in Gelächter ausbrachen:

    - Schau ihn Dir an, ist das nicht widerlich, ein so großporiges, behaartes Gesicht zwischen unseren unschuldigen Blumen - was - was!

    59 sperrte die Augen auf. Die Luke im Fußboden wurde langsam größer.

    - Die Blumen auch, OH?

    - Selbstverständlich.

Übersetzung aus dem Norwegischen ins Deutsche von Julia Hoppe , www.norsk-tysk.com